Wie erklärt man ein Hardcore-Sightseeing? Einige Objekte sind schon bekannt, zwischen den meisten besteht kein erkennbarer Zusammenhang, alle liegen kreuz und quer über London verteilt, wie soll man da eine gute Gliederung erstellen? Ich versuche es einfach trotzdem, aber wenn die Überleitungen mal nicht eben von schriftstellerischer Brillanz sind, bitte ich um Nachsicht.
Ich hatte hohen Besuch und sah mich gezwungen, das beinahe japanische Programm „London in drei Tagen – was man gesehen haben muß“ durchzuführen. Der folgende Bericht ist nicht chronologisch!

Buckingham Palace war diesmal besser bewacht, sogar eine Ablösung haben wir gesehen. Offenbar geht die Mode mit den Jahreszeiten, statt dem äußerst ansehnlichen Rot trägt man als Wärter heute ein edles Grau, wobei die weiße Schleife um den Bauch die gute Figur vorteilhaft unterstreicht. Ich muß aber trotzdem bei der Gruppe links am Rand an die Wettkampfrichter aus dem Tag des Tentakels denken, die so schön gleichzeitig auf ihren Saugnäpfen von einer Bildschirmseite zur anderen wabern. Womit ich nicht sagen will, daß die Wächter am Buckingham Palace wie Tentakel aussehen. Und auch nicht, daß die Queen die Welt erobern will. Ich mein ja nur.

Westminster Abbey, zweiter Versuch. Es ist unmöglich, die Kirche so zu treffen, wie sie wirklich aussieht, aber wenigstens ist sie hier in voller Höhe zu sehen.
Wir sind auch hineingegangen, und obwohl es sogar für Studenten noch stolze 9 Pfund kostet, lohnt es sich wirklich. Ich habe das Gefühl, jeder, der irgendwann mal was zu sagen hatte in England, hat sich ein Winkelchen nach seinem Geschmack eingerichtet. Und es gibt verdammt viele Winkel.

In einem von diesen Winkeln steht Georg Friedrich Händel. Er hatte wohl keine Gelegenheit, dieses Grabmal zu reklamieren, und seine Familiensituation war ja offenbar ziemlich im Dunkeln, aber irgendjemand hätte doch was dazu sagen müssen, daß der Arme als kleines stämmiges Männlein ohne Perücke (ohne Perücke! Wie konnten sie nur! Meine ganze Vorstellung kommt durcheinander!), und dann in dieser Haltung, und die Finger, und der Gesichtsausdruck – das hat er nicht verdient.
Eigentlich darf man nicht photographieren, aber ich habe mich durchgewurstelt, siehste mal, Papa, was ich alles für dich tue. Und wenn sie mich nun eingesperrt hätten, hm?
Dieses Photo hätte ich gern gemacht, aber das war mir dann doch ein bißchen zu brenzlig. Es handelt sich um die Decke der Lady Chapel von Heinrich dem Siebten (das war nicht der mit den Frauen, oder? Gab es nicht auch einen Heinrich mit Frauen? Und war der achte der dicke Heinrich?). Ich fand sie wunderschön, sie sieht aus, als wär sie aus Zuckerguß! Wenn man auf das Bild klickt, müßte man auf die Seite weitergeleitet werden, von der ich es habe.
Ein paar Straßen hinter der Westminster Abbey liegt die Victoria Station, die ist schon ganz hübsch, aber ziemlich dreckig, und man muß sich nicht länger dort aufhalten. Es kam uns dann noch eine ältere Dame entgegen, die hat uns für Franzosen gehalten und wie verrückt geschimpft, da haben wir dann auch das Weite gesucht.

Auch mein zweites Experiment in Sachen „Kirche photographieren“, die St. Paul’s Cathedral, ist nicht übermäßig erfreulich verlaufen, daher habe ich mich hier dazu entschlossen, sie bildhaft zu umschreiben. Hier sieht man sie von einer Gasse in der Nähe, ich will mich ja nicht selbst loben, aber ist das Bild nicht echt cool? Wir waren erst nicht sicher, ob es wirklich St. Paul’s ist, weil wir nach Karte noch ein bißchen weiter hätten gehen müssen, aber das Ding ist dermaßen ausschweifend…

Reingegangen sind wir nicht, ein paar Sachen muß man sich ja auch für später aufheben. Aber ich möchte doch auf diesen ausgesprochen grünen und unglaublich englischen Rasen hinweisen, den sie auf dem churchyard zu wachsen haben (bei diesem „zu“ handelt es sich übrigens um eine linguistische Besonderheit des Berlinerischen, habe ich mir sagen lassen. Mir gefällt es.).

Dies ist ein perfektes Überleitungsbild: Wir sehen im Hintergrund wieder St. Paul’s, aber vorn schon die Themse. Die Briten schreiben sie irreführenderweise „Thames“, aber sie sagen „Tems“ und nicht etwa „Faimes“ (das war ein hartes Londoner -th-). An dieser Stelle führt die Millenium Bridge über den Fluß. Sie endet bei der nächsten Attraktion, der Tate Modern.

Ich habe für Mutti das Bild mit dem Birkenwäldchen ausgewählt, obwohl mir durchaus klar ist, daß die Himmelsstruktur mangelhaft ist und man schlecht sieht, wo das Bild oben zuende ist. Man muß eben Prioritäten setzen. Rechts noch ein Zipfel der Millenium Bridge, das soll so sein.

Wir waren auch drin, aber nur im vorderen (kostenlosen) Bereich. Die riesige Halle fand ich durchaus sehr beeindruckend, aber mich beschäftigt schon länger die Frage, was Leute an überdimensionierten Spinnen finden. Ich habe so eine Spinne schon mal vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao gesehn (ich Angeber, ich. Da war ich noch ziemlich klein und meine Eltern haben mich reingeschleppt. So, nun wißt ihr, wie es um meine Kultur bestellt ist) und konnte dem nicht viel mehr abgewinnen als vielleicht eine Faszination des Ekelhaften.

Von der Tate Modern aus kann man für 5 Pfund die Fähre zur normalen Tate Gallery nehmen und zum Beispiel dem London Eye von einer ganz neuen Perspektive aus nahekommen.

Tatsächlich brauchte ich das London Eye nur als Vehikel für den folgenden Wortwitz: Auf der Attraktionsliste stand auch das „London Ei“ (das war der Witz), das Londonder Rathaus, das man erreicht, wenn man die oben genannte Fähre nicht nimmt, sondern weiter am Ufer entlang geht. Es sieht aus jeder Perspektive anders aus, manchmal fast, als würde es gleich hintenüberkippen, aber ich habe mich hier für die Schokoladenseite entschieden.

Ich weiß nicht, ob sie sich da was beim Reichstag geliehen haben; es ist ein aufregendes gläsernes Haus mit spiralförmigen Aufgängen, die irgendwie undurchsichtig miteinander verschlungen sind.

Für Freunde der Detailphotographie hier wieder eine Detailphotographie. Ich stelle aber nicht das Rätsel, um welches Gebäude es sich hier handelt, weil -

- ich diesem Hanswurstphoto einfach nicht widerstehen konnte. Da habt ihr sie, die Tower Bridge. Sie malen sie gerade neu an, weil sie doch mit den Jahren etwas blaß geworden ist. Außerdem dreckig. Und laut. Und voller Touristen. Könnten sie da nicht mal was machen?

Im Anschluß empfiehlt sich der Besuch des Towers. Leider haben wir uns dagegen entschieden, weil er doch recht haarsträubende Eintrittspreise hat. Vielleicht ein andermal.
Ich möchte zur Kenntnis geben, daß ich bewußt nicht das schönste Photo gewählt habe (wehe, es lacht einer), sondern eines, auf dem man sieht, wie unglaublich zusammengewürfelt dieses Gebäude doch ist. Sie hatten ein paar Brände und ein paar Könige, und so kam es, daß ihr Glas, roten Backstein, Sandstein und eine Mauer aus irgendwas anderem seht.
Ich möchte in salbungsvollem Tone mit dem Motiv von Wandlung und Stillstand fortfahren und nun auch schließen: Einmal im Jahr, im Mai glaube ich, wird der Bürgermeister von London gewählt, freut sich und gibt im November ein Feuerwerk. Und das haben wir uns angesehen. Es heißt, daß Boris Johnson ein bißchen verrückt sei, aber in Wirklichkeit ist er Altphilologe, und da gibt es einen Unterschied. Alle reden immer nur von Amerika, warum spricht niemand darüber, daß London die erste Stadt ist, die von einem Altphilologen regiert wird, der gerade ein Buch über die Römer in Großbritannien schreibt? Die ältere, sehr kommunikative Dame links neben mir wußte zu berichten, daß Johnson sich außerdem bei seiner Rede als der glücklichste aller Bürgermeister gezeigt habe. Aber ich komme vom Thema ab. Das letzte Bild:

Lieber hoher Besuch, ihr könnt gerne wiederkommen! Ich schlage eine Tour „London in drei Tagen – Was man sich zum Beispiel ansehen könnte, aber nicht unbedingt gesehen haben muß“ vor.

gerade habe ich erfahren, daß das Rathaus-Ei, die Millenium Bridge, die Überdachung des Innenhofs vom British Museum, das Haupthaus der Swiss Re in London wie auch die Kuppel vom Reichstag allesamt von Sir Norman Foster entworfen wurden; der is ganz schön fleißig.
Liebstes Kusinchen, habe gerade deiner Mutter zum Geburtstag gratuliert. Sie hat mir dann eben mal die Adresse deines ganz tollen Blogs gegeben. Haste fein gemacht (schöne Bilder + Text)!
Wenn Du Zeit findest, kannst Du auch mal eine Karte schicken (die richtige Adresse kann ich Dir ja nochmal sagen, soll ja auch ankommen).
Besten Gruß aus der Hauptstadt!